Liebe Gottesdienstgemeinschaft!
Tyrus und Sidon waren zwei wichtige Hafenstädte im Lande Kanaan, etwa im heutigen Südlibanon gelegen. Jesus zog sich also in ein nichtjüdisches Gebiet zurück um seine Ruhe zu haben und auftanken zu können. Urlaub sozusagen. Gerade erst hatte er den Tod seines Cousins Johannes des Täufers zu verkraften, war von den vielen Begegnungen und Heilungen bei und nach der Speisung der 5000 erschöpft.
Und in dieser Situation erwischt ihn die kananäische Frau, eine Heidin, eine die einem Vielgötterglauben anhängt, mit ihrer Bitte um Heilung ihrer Tochter offensichtlich vorerst auf dem falschen Fuß. Die Apostel sind sowieso genervt über die Frechheit dieser Heidin, Jesus um Hilfe zu bitten. Aber Jesus ist gewöhnt, sich mit möglichst jedem Menschen auseinanderzusetzen (viele Beispiele dazu) und daher beginnt er mit ihr zu reden und macht ihr klar, dass er ohnehin mit den jüdischen Bedürftigen genug zu tun hätte, dass er jetzt nicht die Kraft hätte auch noch Andersgläubige zu heilen.
Aber diese Frau argumentiert klug, indem sie - natürlich im Bild der Brotkrumen für die kleinen Hunde bleibend - Jesus darauf aufmerksam macht, dass jeder und jede Gottes Geschöpf ist, egal ob sie sich als gläubig oder nichtgläubig zeigt. Und diese Argumentation beeindruckt Jesus mächtig. Ich würde sogar sagen, er besinnt sich in dem Moment seiner Aufgabe, die er von seinem Vater mitbekommen hat: Heilung, das Heil, das Göttliche allen Menschen dieser Welt anschaulich zu vermitteln:
„Frau, dein Glaube ist groß“ - er sagt das einer Heidin, so wie wenn wir das heute einer Muslima, einer Hindu, einem Bhuddistin zusagen würden. „Frau, dein Glaube ist groß“, sagt er und fügt an: „Es soll dir geschehen, wie du willst.“ Soweit - so spannend:
Aus dieser kleinen Szene entwickelte sich nämlich fast 2000 Jahre später eine sehr starke Wurzel für eines der allerwichtigsten und - bis heute umstrittensten Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils. Das Dokument heißt Lumen Gentium - frei übersetzt „Christus ist das Licht für alle Völker“ - und beschäftigt sich mit dem Wesen der Kirche.
Es gibt tausende Schriften und Bücher darüber. Ich möchte hier aber nur diesen einen Wurzelstrang freilegen, der sich mit der Sicht der Kirche mit Nichtgläubigen und Andersdenkenden - mit den Fremden und Befremdlichen - beschäftigt. Gerade der Umgang mit allen, die scheinbar (siehe die kananäische Frau) Nichtgläubig sind, ist einer der größten Streitpunkte in dem aktuellen Konflikt zwischen unserem Papst und den Piusbrüdern oder anderen Teilen der Kirche, die sehr konservativen Glaubensvollzügen anhängen. Diese Kritiker erkennen tatsächlich Teile des Dokuments Lumen Gentium nicht wirklich an - eben auch jenen Abschnitt, den ich jetzt zitiere und der sich - wie ich schon sagte - unter anderem auf unsere heutige Evangeliumsstelle bezieht:
„Volk Gottes in aller Welt: Auch die Menschen, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, gehören auf verschiedene Weise zum Volk Gottes. Das gilt in erster Linie von jenem Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist. (gemeint ist das jüdische Volk). … Sein Heilswille umfasst aber auch alle, die ihn als ihren Schöpfer anerkennen. Unter ihnen sind besonders die Muslim zu nennen, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den gnädigen und barmherzigen Gott. … Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern Gott suchen, auch ihnen ist er nahe, da er allen Wesen Leben und Atem und alles gibt; er ist ihr Erlöser, er will, dass alle Menschen gerettet werden. (II. Vatikan. Konzil, Über die Kirche 16)“
Für viele von uns, mit unserem heutigen Glaubensverständnis, hört sich der Text nicht gerade sensationell an. Wenn man allerdings bedenkt, wie sehr Vertreter der katholische Kirche im Zeitraum von fast 2000 Jahren ihre Glaubensauffassung über Andersgläubige erhöht haben, ja Andersdenkende, Andersglaubende verfolgen, erniedrigen, ausstoßen, ermorden haben lassen, dann ist dieser Text sensationell revolutionär und schließt genau beim revolutionären Zugang Jesu zu den Andersgläubigen seiner Zeit an.
Für konservative Kritiker dagegen wird durch Lumen Gentium mit dieser Offenheit gegenüber allen Glaubensvollzügen und allen Religionen der Untergang der katholischen Kirche eingeläutet. Aber wovor haben sie Angst? Was vergeben wir uns als Katholiken, wenn wir allen Menschen guten Willens dem Beispiel Jesu folgend zusagen: Dein Glaube ist groß - sofern du dich selbst als Geschöpf Gottes begreifst und dich um deinen Nächsten ebenso gern bemühst, wie um dich selbst.
Ja, ich behaupte sogar, dass es die einzige Art und Weise ist, wie unsere Kirche in der heutigen, säkularisierten Gesellschaft wirken kann: Indem sie auch ganz bewusst auf jene Menschen zugeht, die sich der Kirche entfremdet, entfernt haben, sie wahrnimmt als Menschen, die an ein gutes, friedliches, glückliches Leben glauben und hoffen. Die Gottesdienste unserer Gemeinde (wo wir immer weniger werden) dürfen sich wandeln in Gottesdienste des Alltags, wo die Nachfragen nach spiritueller, sozialer, gesundheitlicher Hilfe immer mehr werden.
Unser Glaube ist gefragt. Unser Glaube darf groß sein, unser Glaube, dass Gott wirkt, auch wenn nicht mehr so viele mit uns Gottesdienst feiern oder nur sehr unregelmäßig die Eucharistie empfangen.
Ich glaube wir sind in unserer Kirche auf dem Weg zur Jesusnachfolge auch nach 2000 Jahren noch lange nicht am Ziel.
Müssen wir auch nicht!! Denn unser Ziel entsteht im Gehen, im Zugehen auf die Menschen die guten Willens sind, im Zugehen auf Andersgläubige (da gehören die christlichen Religionen ebenso dazu wie die muslimischen Religionen und alle Glaubensauffassungen, die den Mitmenschen dienlich sind und für Frieden und Heil eintreten),
im Zugehen auf Befremdliche (Da gehören Menschen dazu, die nicht dem Mainstream entsprechen, homosexuelle, quere Menschen, auch Menschen, die ihren Lebensfaden verloren haben usw.),
und im Zugehen auf hilfesuchende Fremde, die guten Willens sind - und das sind wohl die meisten von ihnen.
Dass diese Fragen schon vor Jahrtausenden Thema unter den Gläubigen waren, beweist uns der Text des Propheten Jesaja, den wir heute in der Lesung hörten: Dort hieß es: „Und die Fremden, die sich dem Herrn anschließen, … sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets. Ihre Brandopfer werden Gefallen auf meinem Altar finden, denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.“
Wir haben mit Jesus und seinem Lebensvorbild allen Menschen dieser Welt etwas zu verkünden, ohne es ihnen aufdrängen zu wollen. Wir haben in Jesus vor allem ein Vorbild, wie wir die frohe Botschaft verkünden sollen: Im Da sein füreinander, im Beten füreinander, im Dienen füreinander , im Glauben aneinander. Dann wächst unser Glaube und wird vielleicht so groß, wie jener der kananäischen Frau.
Amen.
Diakon Franz Hofmarcher
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