Gemeinsam sind wir Kirche

Predigtarchiv

Predigt vom 30. August

Liebe Gottesdienstgemeinschaft!

Könnt ohr euch noch an das Evangelium vom letzten Sonntag erinnern?
Letzten Sonntag war Petrus noch ganz oben. Ein Schlüsselmoment: Ihm geht etwas ganz Wichtiges, Kostbares auf. Etwas, das man nicht einfach sehen oder beweisen kann. In diesem Moment hat sich ihm etwas Wesentliches über Jesus erschlossen. Er erkennt in Jesus den Messias. Und Jesus sagt zu ihm: „Du bist Petrus, der Fels, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Ein Schlüsselerlebnis.

Und heute? Heute geht es plötzlich in die andere Richtung. Eben noch der Fels – und jetzt sagt Jesus zu ihm: „Geh weg von mir, Satan!“ Was für ein Absturz!
Dabei ist dieses Wort „Satan“ interessant. Satanas bedeutet im Hebräischen so viel wie Ankläger. Der Satan ist derjenige, der Gott sozusagen im Ohr sitzt und aufzählt, was bei den Menschen alles falsch läuft. Der Ankläger weiß immer, wie es besser, richtiger und anders laufen müsste.

Und im Evangelium wird Petrus plötzlich zu einem solchen „Ankläger“. Jesus erzählt von seinem Weg nach Jerusalem, von Leiden, Kreuz und Tod. Petrus protestiert: „Das darf nicht geschehen!“ Er meint es gut. Aber er beginnt Jesus zu erklären, welchen Weg dieser doch besser gehen sollte.
Und da sind wir Petrus vielleicht näher, als uns lieb ist. Denn auch wir wissen oft sehr genau, wie das Leben laufen sollte. Wie Gott handeln sollte. Was richtig wäre und was besser nicht passieren dürfte.

Im Vater Unser beten wir: „Dein Wille geschehe.“ Und denken manchmal: „Aber ich hätte da einen Vorschlag. Lieber Gott, dein Wille geschehe, aber bitte lass meine Pläne aufgehen, bitte lass diesen Menschen gesund werden, erspare mir diesen Abschied, mach, dass alles wieder gut wird …“
Glaube ist anders. Glaube heißt nicht: Ich verstehe Gott immer. Glaube heißt manchmal: „Gott, ich verstehe dich gerade überhaupt nicht – aber ich lasse dich trotzdem nicht los.“

Dann haben wir im Evangelium gehört: „Nimm dein Kreuz auf dich.“
Dieser Satz ist oft missverstanden worden. Jesus sagt nicht: Suche dir möglichst viel Leid! Oder akzeptiere alles Leid kommentarlos. Manches Kreuz muss man abwerfen: Gewalt, Demütigung, Missbrauch, Ungerechtigkeit.
Jesus verherrlicht das Leiden nicht. Aber er weiß: Es gibt Dinge, die können wir nicht einfach ändern oder ungeschehen machen oder wegzaubern. Eine Krankheit, einen Abschied oder Trennung, eine Enttäuschung, Sorge oder Schuld, eine Wunde, die noch immer wehtut.
Und dann sagt Jesus nicht: „Stell dich nicht so an.“ Er sagt: „Komm. Ich gehe mit dir.“

Das heutige Evangelium lädt uns auch ein, vorsichtiger miteinander umgehen. Wir wissen nämlich nicht, was der Mensch neben uns gerade trägt. Vielleicht wartet jemand auf einen Befund. Vielleicht trauert jemand. Vielleicht ist eine Beziehung zerbrochen. Vielleicht gibt es Sorgen um die Kinder. Vielleicht ...
Menschen tragen Kreuze, die man ihnen nicht ansieht. Da sensibel oder aufmerksam zu sein, kann anderen gut tun - wie jemand, der sagt: „Komm, ich trage ein Stück mit.“ Und plötzlich wird das Kreuz leichter. Nicht weil es verschwunden ist, sondern weil zwei daran tragen.

Dazu gibt es eine alte christliche Erzählung: Ein Mensch kommt zu Gott und sagt: „Warum muss ausgerechnet ich dieses schwere Kreuz tragen? Gib mir ein anderes!“
Gott führt ihn in einen großen Raum. Dort stehen unzählige Kreuze. Große und kleine, schöne und hässliche, leichte und schwere. „Such dir eines aus.“
Der Mensch probiert Kreuz um Kreuz. Doch jedes hat seine eigene Last: eines ist schwer, ein anderes hat scharfe Kanten, wieder eines ist unhandlich. Und langsam sieht er nicht mehr nur Kreuze. Er sieht Geschichten: die Sorge einer Mutter um ihr Kind, die Einsamkeit eines alten Menschen, eine Krankheit, eine zerbrochene Liebe, eine Angst, über die niemand spricht.
Da wird er still. Er hatte immer gedacht: Die anderen haben es leichter.
Schließlich entdeckt er ein Kreuz, das nicht besonders groß und nicht besonders klein ist. Schwer ist es, aber es passt. „Gott“, sagt er, „dieses nehme ich.“
Gott lächelt: „Schau genau hin.“ Der Mensch schaut. Es ist sein eigenes Kreuz.
Nach langer Zeit kommt er an eine tiefe Schlucht. Kein Weg führt weiter. Er wird wütend: „Gott! Jetzt habe ich mein Kreuz angenommen – und trotzdem komme ich nicht weiter!“
Dann nimmt er das Kreuz von seiner Schulter und legt es über die Schlucht. Es passt. Von einer Seite bis zur anderen. Ausgerechnet das Kreuz, das er unbedingt loswerden wollte, ist zur Brücke geworden.

Ich glaube nicht an einen Gott, der uns Krankheiten und Katastrophen schickt, damit wir etwas lernen. Aber ich glaube an Gott, der verwandeln kann. Und der uns manchmal dazu verwendet!
Aus einer Wunde kann Mitgefühl wachsen. Aus einem Scheitern ein neuer Anfang. Aus Tränen die Fähigkeit, mit anderen zu weinen.
Darum dürfen wir hoffen: Wo wir nur einen Abgrund sehen, kann Gott längst an einer Brücke bauen. Und manchmal wird ausgerechnet das, was wir am liebsten losgeworden wären, zur Brücke – zum anderen Menschen, zu uns selbst, zu Gott.

Amen!

Monika Liedler

Predigt vom 16. August

Liebe Gottesdienstgemeinschaft!

Tyrus und Sidon waren zwei wichtige Hafenstädte im Lande Kanaan, etwa im heutigen Südlibanon gelegen. Jesus zog sich also in ein nichtjüdisches Gebiet zurück um seine Ruhe zu haben und auftanken zu können. Urlaub sozusagen. Gerade erst hatte er den Tod seines Cousins Johannes des Täufers zu verkraften, war von den vielen Begegnungen und Heilungen bei und nach der Speisung der 5000 erschöpft.

Und in dieser Situation erwischt ihn die kananäische Frau, eine Heidin, eine die einem Vielgötterglauben anhängt, mit ihrer Bitte um Heilung ihrer Tochter offensichtlich vorerst auf dem falschen Fuß. Die Apostel sind sowieso genervt über die Frechheit dieser Heidin, Jesus um Hilfe zu bitten. Aber Jesus ist gewöhnt, sich mit möglichst jedem Menschen auseinanderzusetzen (viele Beispiele dazu) und daher beginnt er mit ihr zu reden und macht ihr klar, dass er ohnehin mit den jüdischen Bedürftigen genug zu tun hätte, dass er jetzt nicht die Kraft hätte auch noch Andersgläubige zu heilen.

Aber diese Frau argumentiert klug, indem sie - natürlich im Bild der Brotkrumen für die kleinen Hunde bleibend - Jesus darauf aufmerksam macht, dass jeder und jede Gottes Geschöpf ist, egal ob sie sich als gläubig oder nichtgläubig zeigt. Und diese Argumentation beeindruckt Jesus mächtig. Ich würde sogar sagen, er besinnt sich in dem Moment seiner Aufgabe, die er von seinem Vater mitbekommen hat: Heilung, das Heil, das Göttliche allen Menschen dieser Welt anschaulich zu vermitteln:

„Frau, dein Glaube ist groß“ - er sagt das einer Heidin, so wie wenn wir das heute einer Muslima, einer Hindu, einem Bhuddistin zusagen würden. „Frau, dein Glaube ist groß“, sagt er und fügt an: „Es soll dir geschehen, wie du willst.“ Soweit - so spannend:

Aus dieser kleinen Szene entwickelte sich nämlich fast 2000 Jahre später eine sehr starke Wurzel für eines der allerwichtigsten und - bis heute umstrittensten Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils. Das Dokument heißt Lumen Gentium - frei übersetzt „Christus ist das Licht für alle Völker“ - und beschäftigt sich mit dem Wesen der Kirche.

Es gibt tausende Schriften und Bücher darüber. Ich möchte hier aber nur diesen einen Wurzelstrang freilegen, der sich mit der Sicht der Kirche mit Nichtgläubigen und Andersdenkenden - mit den Fremden und Befremdlichen - beschäftigt. Gerade der Umgang mit allen, die scheinbar (siehe die kananäische Frau) Nichtgläubig sind, ist einer der größten Streitpunkte in dem aktuellen Konflikt zwischen unserem Papst und den Piusbrüdern oder anderen Teilen der Kirche, die sehr konservativen Glaubensvollzügen anhängen. Diese Kritiker erkennen tatsächlich Teile des Dokuments Lumen Gentium nicht wirklich an - eben auch jenen Abschnitt, den ich jetzt zitiere und der sich - wie ich schon sagte - unter anderem auf unsere heutige Evangeliumsstelle bezieht:

„Volk Gottes in aller Welt: Auch die Menschen, die das Evangelium noch nicht empfangen haben, gehören auf verschiedene Weise zum Volk Gottes. Das gilt in erster Linie von jenem Volk, dem der Bund und die Verheißungen gegeben worden sind und aus dem Christus dem Fleisch nach geboren ist. (gemeint ist das jüdische Volk). … Sein Heilswille umfasst aber auch alle, die ihn als ihren Schöpfer anerkennen. Unter ihnen sind besonders die Muslim zu nennen, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den gnädigen und barmherzigen Gott. … Aber auch den anderen, die in Schatten und Bildern Gott suchen, auch ihnen ist er nahe, da er allen Wesen Leben und Atem und alles gibt; er ist ihr Erlöser, er will, dass alle Menschen gerettet werden. (II. Vatikan. Konzil, Über die Kirche 16)“

Für viele von uns, mit unserem heutigen Glaubensverständnis, hört sich der Text nicht gerade sensationell an. Wenn man allerdings bedenkt, wie sehr Vertreter der katholische Kirche im Zeitraum von fast 2000 Jahren ihre Glaubensauffassung über Andersgläubige erhöht haben, ja Andersdenkende, Andersglaubende verfolgen, erniedrigen, ausstoßen, ermorden haben lassen, dann ist dieser Text sensationell revolutionär und schließt genau beim revolutionären Zugang Jesu zu den Andersgläubigen seiner Zeit an.

Für konservative Kritiker dagegen wird durch Lumen Gentium mit dieser Offenheit gegenüber allen Glaubensvollzügen und allen Religionen der Untergang der katholischen Kirche eingeläutet. Aber wovor haben sie Angst? Was vergeben wir uns als Katholiken, wenn wir allen Menschen guten Willens dem Beispiel Jesu folgend zusagen: Dein Glaube ist groß - sofern du dich selbst als Geschöpf Gottes begreifst und dich um deinen Nächsten ebenso gern bemühst, wie um dich selbst.

Ja, ich behaupte sogar, dass es die einzige Art und Weise ist, wie unsere Kirche in der heutigen, säkularisierten Gesellschaft wirken kann: Indem sie auch ganz bewusst auf jene Menschen zugeht, die sich der Kirche entfremdet, entfernt haben, sie wahrnimmt als Menschen, die an ein gutes, friedliches, glückliches Leben glauben und hoffen. Die Gottesdienste unserer Gemeinde (wo wir immer weniger werden) dürfen sich wandeln in Gottesdienste des Alltags, wo die Nachfragen nach spiritueller, sozialer, gesundheitlicher Hilfe immer mehr werden.

Unser Glaube ist gefragt. Unser Glaube darf groß sein, unser Glaube, dass Gott wirkt, auch wenn nicht mehr so viele mit uns Gottesdienst feiern oder nur sehr unregelmäßig die Eucharistie empfangen.

Ich glaube wir sind in unserer Kirche auf dem Weg zur Jesusnachfolge auch nach 2000 Jahren noch lange nicht am Ziel.

Müssen wir auch nicht!! Denn unser Ziel entsteht im Gehen, im Zugehen auf die Menschen die guten Willens sind, im Zugehen auf Andersgläubige (da gehören die christlichen Religionen ebenso dazu wie die muslimischen Religionen und alle Glaubensauffassungen, die den Mitmenschen dienlich sind und für Frieden und Heil eintreten),

im Zugehen auf Befremdliche (Da gehören Menschen dazu, die nicht dem Mainstream entsprechen, homosexuelle, quere Menschen, auch Menschen, die ihren Lebensfaden verloren haben usw.),

und im Zugehen auf hilfesuchende Fremde, die guten Willens sind - und das sind wohl die meisten von ihnen.

Dass diese Fragen schon vor Jahrtausenden Thema unter den Gläubigen waren, beweist uns der Text des Propheten Jesaja, den wir heute in der Lesung hörten: Dort hieß es: „Und die Fremden, die sich dem Herrn anschließen, … sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets. Ihre Brandopfer werden Gefallen auf meinem Altar finden, denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker sein.“

Wir haben mit Jesus und seinem Lebensvorbild allen Menschen dieser Welt etwas zu verkünden, ohne es ihnen aufdrängen zu wollen. Wir haben in Jesus vor allem ein Vorbild, wie wir die frohe Botschaft verkünden sollen: Im Da sein füreinander, im Beten füreinander, im Dienen füreinander , im Glauben aneinander. Dann wächst unser Glaube und wird vielleicht so groß, wie jener der kananäischen Frau.

Amen.

Diakon Franz Hofmarcher

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Predigt vom 15. August - Maria Himmelfahrt

Geschätzte Feiergemeinschaft!

Es war im Jahr 1950, da hat Papst Pius XII. das Dogma von der „Aufnahme Mariens in den Himmel“ feierlich verkündet.
„Die Gottesmutter Maria ist mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.“
Es gab damals - 1950 - nicht nur Zustimmung zu diesem Dogma. Viele meinten, es unzeitgemäß, obwohl der Gedanke des Festes schon lange gelebter Glaube vieler Christen war, und missverständlich.

Papst Benedikt XVI. formulierte es einmal so: „Wir glauben, dass Maria, wie Christus, ihr Sohn, den Tod schon besiegt hat.“ Im Unterschied zu Jesus Christus, der im katholischen Glauben aus eigener Kraft zu Gott emporsteigt, wird Maria in den Himmel aufgenommen. Im Deutschen heißt beides Himmelfahrt, im Lateinischen wird der Unterschied deutlicher zwischen „Assumptio Mariae“ (Aufnahme Mariens) und „Ascensio Christi“ (Hinaufsteigen Christi).

Papst Pius XII. wollte mit diesem Fest auf etwas ganz Wesentliches hinweisen: Maria ist für uns als Zeichen „an den Himmel gesetzt“, damit wir „aufschauen“ zu ihr.
Ein Zeichen der Hoffnung ist sie für uns: am Himmel, wie ein Stern, der Orientierung gibt. Wie ein Meerstern, wie ein Morgenstern.
Ein leuchtendes Vorbild ist sie uns, in allem was sie war und wie sie war.
Eine, die für „Verheißungen“ zu haben war, eine, die sich auf etwas Unbekanntes einlassen konnte, eine, die auf Gott vertraute.

Wie gesagt: 1950 wurde dieses Dogma verkündet. Nach dem Krieg, nach einer Zeit, in der die Menschlichkeit mit Füßen getreten wurde, in der vielen Menschen schmerzlich bewusst geworden war, dass sie auf die falschen Vorbilder gesetzt hatten, in der sich Menschen selbst in den Himmel gehoben hatten, die dann abstürzten und viele mit ins Verderben rissen - Gerade in der Zeit nach dem Krieg brauchten die Menschen Hoffnung, Zeichen der Hoffnung.

Zeichen und Bilder gibt es viele in diesem Gottesdienst. In der Lesung aus der Offenbarung des Johannes erscheint das Bild des Drachen, der das Leben vernichten will – wie die Hitze und die Trockenheit, der wir scheinbar ohnmächtig gegenüberstehen, wie kriegstreibende Staatsmänner, die um den Preis des Lebens anderer ihre Macht ausspielen, wie kapitalistische Strukturen, die immer Reichere und gleichzeitig immer Ärmere hervorbringen.
Es erscheint aber auch das Zeichen der Frau mit dem Kind – eigentlich machtlos gegen den Drachen – und doch der rettende Sieg eines Gottes, der auf die Niedrigkeit seiner Magd schaut und die Hungernden mit seinen Gaben beschenkt.

Uns begegnet das Zeichen der Kräuter und Blumen, die heute gesegnet werden. Heilkräfte, die uns in den Kräutern und Blumen angeboten werden, als Teil der Schöpfung eines Gottes, der nichts anderes will, als unser Heil: körperlich und seelisch.

Welche Zeichen der Hoffnung brauchen wir heute? Und es sei auch die Frage erlaubt: Auf welche Vorbilder schauen wir heute? Wer sind unsere „Stars“? Zu wem blicken wir auf?

Das heutige Fest möchte uns Orientierung bieten, indem es auf Maria verweist, von der wir glauben: sie wurde in den Himmel aufgenommen.
Zu unserer Orientierung, als unsere Hilfe, zu unserem Heil.

Amen.

Diakon Peter Leichtfried

Predigt vom 2. August

Schwestern und Brüder im Herrn!

„Biblische Marktwirtschaft – ein ökonomisches Chaos.
Zuverlässige statistische Berechnungen haben ergeben, dass 5 Brote und zwei Fische nicht für 5000 Mann ausreichen können.“
So, oder so ähnlich könnte eine Schlagzeile in einer Zeitung lauten.

Ja, da haben die Jünger schon irgendwie recht: aus ehrlicher Sorge um die natürlichen Bedürfnisse der Menschen hätte Jesus die Leute nach Hause schicken müssen.

Wobei dieses Ansinnen auch mit sehr viel Optimismus verbunden ist, wo sie doch in einer einsamen Gegend sind, an einem abgelegenen Ort. Wo sollten vernünftigerweise 5000 Männer und dazu noch die Frauen und Kinder ausreichend Nahrung besorgen können in dieser öden Gegend. Auch eher unwahrscheinlich, dass sich das ausgeht.

Aber Jesus geht es scheinbar um viel mehr als um marktwirtschaftliche Modelle. Das Evangelium zeigt uns eindrücklich, wie groß das Interesse Gottes am Menschen ist.

Dazu bräuchten wir eigentlich gar nicht mehr hören, als dass Jesus Mitleid mit den Menschen hatte, und die Kranken heilte, die bei ihnen waren. Das geht fast ein wenig unter bei der nachfolgenden beeindruckenden Erzählung der Speisung der 5000.

Und dazwischen liegt noch der so bedeutungsvolle Satz Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen!“

Die Erfahrung, weggeschickt zu werden, ist alles andere als schön. Die Erfahrung: „Jetzt werde ich wieder vertröstet, jetzt muss ich wieder von Pontius zu Pilatus laufen, letztlich muss ich doch wieder alles selber leisten, organisieren, schaffen“, kann wieder zu der Überzeugung führen: meine Bedürftigkeit interessiert eigentlich niemanden.
Aber genau das zeigt Jesus: Interesse an den Bedürfnissen der Menschen. Ihre Not trifft ihn im Innersten, er hat Mitleid.
„Sie brauchen nicht wegzugehen“ sagt Jesus, er will nicht, dass die hungrigen Menschen ihrem Schicksal überlassen werden.
Und bei der Komposition der Erzählung wird auch klar: es geht nicht um den kleinen Hunger zwischendurch, es geht um den großen Lebenshunger.

„Gebt ihr ihnen zu essen“ sagt Jesus und sie bringen ihm fünf Brote und zwei Fische.
Für gläubige Juden dürfte sofort klar sein, worauf der Evangelist hinweist. Die fünf Brote stehen für die fünf Bücher Mose, das Gesetz. Die zwei Fische bezeichnen die beiden anderen großen Literatur-Gattungen des ersten Testaments: die Weisheits- und die Geschichtsbücher. Und: Fünf und Zwei ergibt Sieben: Die Zahl Sieben in der Sprache der Bibel ist die Vollkommenheit, die Fülle. Damit verweist der Evangelist darauf, dass wir längst alles dabeihaben – die materielle und die geistige Nahrung - alles, was wir brauchen, um satt zu werden – als ganze Menschen.

„Gebt ihr ihnen zu essen“. Dass die Menschen in ihrem vielfältigen Hunger satt werden können, bedeutet damit, dass man sich aber darum kümmern muss. Da hilft kein Heraushalten, kein Abschieben, kein Verweisen auf andere und damit sich herausstehlen aus der Verantwortung.
Es braucht Kreativität und Phantasie, es braucht das Beisteuern der eigenen Möglichkeiten und Ressourcen - auch wenn es nach nicht viel aussieht - damit Gott das Wunder der Sättigung bewirken kann.

Es wird nicht berichtet, wie die Leute satt werden, nur dass sie satt werden. In Darstellungen, auch in Filmen, begegnet uns das Speisenwunder oft in einer „Tischlein-deck-dich“-Manier. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus diesen Hokuspokus braucht oder haben will.

„Gebt ihr ihnen zu essen“. Das sagt Jesus seinen Jüngern und damit seiner Kirche und damit uns.
Wenn wir bereit sind, das einzusetzen, was wir haben, kann Gott Großes daraus machen. Dann bleibt sogar noch viel übrig – 12 Körbe voll, also für das ganze Volk Gottes, also für die ganze Menschheit.

„Fünf Brote und zwei Fische, 5000 werden satt. Wenn Jesus lädt zu Tische, dann werden alle satt.“ Heißt es in einem Lied, das wir gerne auch am Jungscharlager als Tischgebet singen.
Wo geteilt wird, ereignet sich Reich Gottes.

Amen.

Diakon Peter Leichtfried

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Predigt vom 26. Juli

Liebe Gottesdienstgemeinschaft!

Unser heutiges Evangelium schließt an dem von letzten Sonntag an, von dem wir allerdings nur die Kurzfassung gehört haben. Erinnern wir uns: Es ging um die Saat und das Unrkraut. Es folgten dann die Gleichnisse von Senfkorn und vom Sauerteig. Und heute geht es weiter: mit dem Schatz, der Perle und dem reichen Fischfang.

Alles Gleichnisse, mit denen Jesus den Menschen vom Reich Gottes erzählt.

Jesus spricht vom Reich Gottes nicht in großen theologischen Begriffen. Er erzählt Geschichten aus dem Alltag der Menschen. Er spricht von einem Bauern, der Weizen sät und Geduld haben muss. Von einem winzigen Senfkorn, aus dem ein großer Baum wächst. Von Sauerteig, der im Mehl verschwindet und doch den ganzen Teig durchsäuert. Von einem Schatz, der im Acker verborgen liegt, von einer kostbaren Perle und von einem Netz voller Fische. Bilder aus dem Alltag – einfach und zugleich voller Tiefe.

Ich stelle mir vor, wie Jesus erzählt: Er sitzt im Boot vom Petrus, redet mit Händen und Füßen, dass Petrus ganz schön zu tun hat, das Boot ruhig zu halten, seine Geschichten schmückt er aus, so dass sie auch lustig sind - und zugleich ganz tiefsinnig. Und ich stelle mir die Menschen vor, die Jesus zuhören. Sie lachen, werden ernst, verstehen, was er meint. Seine Bilder sind ihnen vertraut. Sie kennen das Warten auf die Ernte, sie wissen, wie wenig Sauerteig genügt, um einen ganzen Teig zu verwandeln. Sie kennen den Traum, einen Schatz zu finden oder einen reichen Fang nach Hause zu bringen. Deshalb verstehen sie sofort: Das Reich Gottes ist nichts Fernes. Es beginnt mitten im Leben.

Und doch ist es anders, als viele es erwarten. So wirkt Gott auch heute. Nicht immer spektakulär, sondern oft leise und verborgen. Es wächst langsam wie eine Saat. Es wirkt verborgen wie der Sauerteig. Es ist oft unscheinbar und leicht zu übersehen. Aber gerade darin liegt seine Kraft.

Vielleicht wünschen auch wir uns manchmal deutlichere Zeichen Gottes. Wir möchten ihn sehen, seine Gegenwart spüren, klare Antworten bekommen. Doch Jesus lädt uns ein, genauer hinzusehen. Gott ist längst da – mitten in unserem Leben. Er wirkt oft dort, wo wir ihn zunächst gar nicht vermuten: in einem freundlichen Wort, in einer ausgestreckten Hand, in einem Menschen, der Trost schenkt, in einer Versöhnung nach einem Streit, in der Geduld, mit der jemand einen anderen begleitet.

Vielleicht können wir unser eigenes Leben als eine Art „fünftes Evangelium“ verstehen. Die vier Evangelien erzählen, wie Jesus den Menschen begegnet ist. Gott schreibt seine Geschichte weiter – in unserem Leben. Auch heute ist er da. Oft verborgen, oft leise, aber immer wirksam. Wir können seine Spuren entdecken, wenn wir aufmerksam werden für das Kleine, das Kostbare und das Unscheinbare. Es lohnt sich, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen und nach den Spuren Gottes zu suchen.

Vielleicht ist das Reich Gottes schon längst dort gewachsen, wo wir es gar nicht bemerkt haben. Vielleicht ist es in einem Lächeln sichtbar geworden, in einer mutigen Entscheidung, in einem offenen Ohr für einen einsamen Menschen oder in einer kleinen Geste der Liebe. Solche Momente erscheinen uns oft unbedeutend. Für Gott aber sind sie wie Senfkörner: klein am Anfang, aber voller Leben und voller Zukunft.

Jesus lädt uns ein, mit diesen Augen durch die Welt zu gehen – mit Augen, die den verborgenen Schatz entdecken, die die kostbare Perle mitten in besonderen Begegnungen finden, die dem kleinen Samen etwas Großes zutrauen und die darauf vertrauen, dass Gott mitten unter uns am Werk ist.

Denn das Reich Gottes ist nicht nur eine Hoffnung für morgen. Es ist heute schon da. Es wächst in unserer Welt und in unserem Leben – manchmal verborgen, manchmal unscheinbar, aber immer voller Leben.

Amen!

Monika Liedler

Predigt vom 5. Juli

Liebe sommerliche Gottesdienstgemeinschaft!

Es ist Hochsommer, dass spüren wir alle, noch dazu Ferienbeginn. Eine Zeit der Freude, eine Zeit des Durchatmens, manchmal auch eine Zeit des Versteckens in der Wohnung, wenn es - so wie letzte Woche - unendlich heiß wird.

Aber trotz aller Hitzebedrohung überwiegt doch die Freude über die sommerlichen Tage, über das ungestüme Wachstum in der Natur, über den Genuss des kühlenden Wassers in Flüssen und Bädern, über die Sonnenwärme, die auch die Nachstunden noch durchheizt.

Der Sommer wartet mit einer Überfülle an Sinnesreizen auf. Denken wir an das duftende Heu, an die Farben der Blumen, an den Geschmack der frischen Früchte wie z.B. Beeren und Kirschen.

Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt: All diese positiven, lebensfrohen Seiten des Sommers sollen heute bei unserer Messfeier in Liedern und Texten Platz haben. Und da reihen sich die Bibelstellen des heutigen Tages ganz hervorragend ein.

Sowohl im Text aus dem ersten Testament als auch im Evangelium wird ein hoffnungsvolles, optimistisches, zukunftsgläubiges Bild gezeichnet, wenn zum Beispiel im Buch Sacharija geradezu visionär von einem Messias gesprochen wird, der gerecht und demütig ist, der die Kriegslust der Menschen ausmerzt und den Nationen Frieden verschafft.

Und Jesus steht dem in seiner frohen Botschaft um nichts nach, wenn er uns verspricht: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Das fühlt sich doch wie Balsam an in unseren Herzen. Oder? Bibel zum Seele schmeicheln, zum Aufatmen, zum Entspannen, genau passend zur Sommer - Urlaubs - Ferienzeit. In einem Kommentar zu Jesu Worten las ich sogar von Seelen-Wellness, andere, kritischere sprechen von einem Text aus der Werbe und Marketingabteilung der ersten Christen.

Aber angesichts der niederschmetternden Situation in Katastrophen - und Kriegsgebieten, der erschütternden Krankheitsschicksale vieler Menschen, der immer wieder aufflammenden bösartigen Konflikte in Familien: Können da die Betroffenen Jesu Worte ernst nehmen, wenn er von einer leichten Last und einem sanften Joch spricht, dass er uns auferlegt? Darf ich, in Not geraten, nicht fragen: Wo ist deine Erquickung, Jesus, die du uns versprichst?

Berechtigte Fragen, finde ich! Und trotzdem: Gerade in Zeiten von Krieg, Terror, Gewalt sollten wir die vielen Geschenke des Lebens, des tausendfachen Aufblühens von Menschlichkeit, der vielen, vielen kleinen Hilfsleistungen, die unzähligen kleinen Wunder des Alltags auf keinen Fall übersehen.

Trotz ökologischer und sozialer Krisen sollten wir bewusst auf jene Menschen und Kräfte schauen und bauen, die uns Lasten erleichtern, die uns Ruhe finden lassen, die gütig und von Herzen demütig sind.

Manchmal sind wir so verbissen auf die Probleme unserer Zeit und der Suche nach Lösungen fixiert, konzentrieren uns so auf den Widerstand gegen zerstörerische Kräfte, dass wir das viele Gute, dass um uns herum passiert und das letztlich unsere Welt zusammenhält, nicht wahrnehmen.

Jesus ist kein blauäugiger Gutmensch, der die Probleme seiner Umgebung nicht wahrnimmt: Wie wir gehört haben, spricht er gerade die an, die mühselig und beladen sind.

Und er sagt: „Kommt alle zu mir und lernt von mir“. Er meint damit:

Macht es so wie ich: Bekämpft die Bosheit einiger und haltet euch an das Gute der Vielen, lasst Euch nicht von wenigen aufeinanderhetzen, sondern baut auf die vielen, die sich gegenseitig unterstützen.

Und seid gewiss, ihr seid immer angefragt von Gott, ob ihr nicht seine Hand, sein Fuß, sein Mund, seine Liebe sein könnt für andere, egal in welch tollem oder erbärmlichem Zustand ihr im Moment zu sein scheint.

Die Frage, die der ehemalige amerikanische Präsident J. F. Kennedy in seiner Antrittsrede an seine Landsleute weitergegeben hat: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, fragt vielmehr, was Ihr für Euer Land tun könnt“, lässt sich als Heilmittel nach Christi Vorbild auch auf unser Leben mit unserem Gott anwenden: Frage nicht, was Gott für dich tun kann, sondern frag, was Du für die Liebe Gottes auf dieser Welt beitragen kannst.

Selbst für schwer angeschlagene Menschen ist das kein zynisches Rezept, es kann die Last meines Lebens sehr erleichtern, wenn ich aus meinem Leidenshaus herausfinde und meine kleinen Kräfte, meine Sorgen, meine beschränkten Möglichkeiten mit anderen teile. Übrigens: Ich finde, das ist Beten in Reinform.

Drei sommerliche, d.h. lebensbejahende Botschaften leite ich aus den heutigen Bibelstellen ab:
  • Lassen wir uns nicht allzu sehr von den Problemen dieser Welt, von den Untergangsprophetien entmutigen und hinunterreißen. Wir sollen uns hochziehen, aufhelfen, ermutigen lassen von den vielen Menschen guten Willens, von der Schönheit, der Natur, von der Bereicherung durch Kunst und Kultur und vor allem von der Zusage Gottes, dass wir seine geliebten Kinder sind.

    Wir sollen mit Verve und Einsatz jene unterstützen, die Frieden zu leben versuchen und nicht der Spaltung und Herabwürdigung das Wort reden und wir sollen auf Begegnungen mit Menschen setzen, die Probleme nicht nur heraufbeschwören, sondern tatsächlich tagtäglich lösen. Kurze Nachdenkpause: Wer könnte so wer sein?
  • Eine zweite sommerliche Botschaft: Wir sind immer wieder selbst angefragt, an Lösungen von Problemen mitzuwirken - nach unseren Kräften und Möglichkeiten eben. Manchmal kann es sogar bei der Lösung von eigenen Problemen helfen.
  • Und letztlich: Jesus teilt im heutigen Evangelium mit uns seine Vision von einem guten, leichten, erlösten Leben für alle, nicht nur im Himmel, sondern auch im Hier und Jetzt.
Zugleich erinnert er uns daran, dass ein Kern seiner Botschaft - die Welt zu erlösen - nicht unsere Aufgabe ist und nicht in unserer Hand liegt. (Gefahr durch „menschliche Erlöser“). Wir können, sollen und dürfen höchstens daran mitwirken – und ein wesentlicher Punkt dabei ist: versuchen, selbst gut, leicht und erlöst zu leben.

Einen Platz an der Sonne anstreben, sich in der Liebe Gottes räkeln dürfen, ist ein erstrebenswertes Lebensziel. Vielleicht kann diese Sommerzeit auch bei Euch einen kleinen Beitrag dazu leisten. Amen!

Diakon Franz Hofmarcher

Predigt vom 28. Juni

Schwestern und Brüder im Herrn!

„Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“
„Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“
Ganz ehrlich: das klingt im ersten Moment gar nicht nach einer frohen Botschaft. Das klingt nach einer Überforderung, das klingt nach einem Entweder - Oder. Fast so als würde sich Jesus zwischen einen Menschen und seiner Familie stellen. Und daher - wie so oft - lohnt sich ein zweiter Blick auf das Geschriebene und Gehörte.

Also eines kann ich mir nicht vorstellen: dass Jesus gegen die Liebe in der Familie wäre. Er ist sicher nicht gegen Freundschaft, Beziehung, Familie. Er will, dass das Leben gelingt, er will, dass die Liebe gelingt. Er will, dass unsere Beziehungen und Gemeinschaften gelingen. (auch in der Kirche, auch in den Vereinen, auch bei euch in Goldhaubengruppe)

Aber er weiß auch, dass die Liebe, ja das Leben aus dem Gleichgewicht gerät, wenn etwas oder jemand an die Stelle Gottes tritt.

Das scheint mir eine wesentliche Frage zu sein. Was steht in meinem Leben ganz oben, was trägt mich, was gibt mir Halt in meinem Leben?

Das, was ganz oben steht, prägt das Leben mehr als alles andere.
Wer Erfolg ganz oben stehen hat, wird irgendwann hart.
Wer Anerkennung ganz oben stehen hat, wird abhängig.
Wer Geld ganz oben stehen hat, wird berechnend.
Wer das eigene Ich ganz oben stehen hat, wird am Ende ziemlich einsam.

Ich glaube, jeder Mensch hat so etwas, das er ganz oben stehen hat. Als oberstes Prinzip, als oberste Instanz, als das Heiligste in seinem Leben.

Jesus sagt: setze mich ganz oben hin, setze Gott an erste Stelle. Nicht damit das andere kleiner wird, sondern damit das andere seinen richtigen Platz bekommt.
Setze nichts und niemand an die Stelle Gottes.
Das hält kein Mensch aus, sein zu müssen, wie Gott. Nicht der Ehepartner, nicht die Kinder, nicht die Eltern, nicht der beste Freund.
Nur Gott kann Gott sein. Dann kann der Mensch wieder Mensch sein. Ist das nicht in Wahrheit befreiend, nimmt uns das nicht gerade die Überforderung, die wir zunächst beim Lesen dieser Bibel-Zeilen verspüren?
Wer Gott an erster Stelle stehen hat, wird nicht weniger lieben, aber vielleicht freier, ohne Berechnung, ohne Besitzanspruch. Lass Gott Gott sein, dann kannst du Mensch sein. Dann kannst du ein Mensch sein, mit all deinen Schwächen und Fehlern, mit all deinen Ecken und Kanten, aber ein Mensch durch den andere etwas von der Liebe, von der Barmherzigkeit, von der Güte Gottes spüren.

Vielleicht ist das sogar die eigentliche Frage dieses Sonntags:
Merken die Menschen etwas davon, dass Gott bei mir ganz oben steht?
Dass Christus in der Mitte meines Lebens ist?
Nicht weil ich alles besser weiß, weil ich mich moralisch über andere stelle, sondern, weil ich mich von Gott getragen weiß, und ich dadurch freier sein kann. Freier, weicher, barmherziger.

Jesus sagt heute: setzte mich an erste Stelle.
Nicht damit dein Leben enger wird, sondern an Tiefe gewinnt.
Nimm dein Kreuz auf dich, nicht weil Leid etwas Gutes wäre, sondern weil es nicht immer einfach ist, zu lieben, wo es so viel einfacher wäre, zu hassen.

Jesus sagt heute: setze mich an erste Stelle, dann wirst das Leben finden, es gewinnen. Nicht irgendwann und irgendwo, sondern am besten schon heute.

Amen.

Diakon Peter Leichtfried

Predigt vom 7. Juni

Liebe Gottesdienstgemeinschaft!

Opfer gibt es schon seit sehr langer Zeit. Menschen haben ihren Göttern Dinge geschenkt, die ihnen wichtig waren. Sie wollten damit ihre Verehrung zeigen, um Hilfe bitten oder Danke sagen.

Dahinter steckt ein menschlicher Gedanke: Wenn wir jemandem ein Geschenk machen, hoffen wir oft, dass er uns wohlgesonnen ist und uns hilft. Diesen Gedanken haben Menschen auch auf Gott übertragen.

Doch das ist problematisch. Es kann der Eindruck entstehen, dass man Gott durch Opfer beeinflussen oder sogar lenken kann. Dann denkt man: Je größer mein Wunsch ist, desto größer muss auch mein Opfer sein.

In der Lesung zeigt uns der Prophet Hosea schon sehr früh - er lebte im 4. Jahrhundert vor Christus - ein anderes Bild von Gott. Gott lässt sich nicht durch Opfer beeinflussen. Er ist frei und unabhängig. Gleichzeitig können wir uns auf ihn verlassen. Gottes Liebe ist so zuverlässig, wie der tägliche Sonnenaufgang und der Frühlingsregen, der die Erde fruchtbar macht. Seine Liebe und seine Barmherzigkeit sind immer da.

Wenn Gott so ist, brauchen wir keine Opfer, um seine Liebe zu gewinnen. Gott ist uns schon nahe. Wir müssen uns nur für ihn öffnen und auf ihn vertrauen.

Das bedeutet nicht, dass Gott alle unsere Probleme einfach verschwinden lässt. Leid und Schwierigkeiten gehören zum Leben. Aber Gott lässt uns in schweren Zeiten nicht allein. Er begleitet uns und gibt uns Kraft.

Der Prophet Hosea sagt: Gott möchte keine Opfer. Er möchte Liebe, Barmherzigkeit und die Erkenntnis Gottes. Das bedeutet: Wir sollen auf unsere Mitmenschen achten, ihnen helfen und ihre Not sehen. Oft können wir selbst für andere zu einem Zeichen von Gottes Liebe werden.

Auch Jesus hat das deutlich gemacht. Zur damaligen Zeit wurden Menschen oft ausgeschlossen, wenn sie religiöse Vorschriften nicht erfüllten. Sie galten als Sünder und Sünderinnen. Solche Menschen werden ausgegrenzt und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Jesus handelt anders. Er geht ganz bewusst auf die Menschen zu und baut Vertrauen und Gemeinschaft mit ihnen auf. Am deutlichsten kommt das in der Tischgemeinschaft zum Ausdruck. Diese Tischgemeinschaft schafft neue Beziehungen. Dadurch zeigt er ihnen: Gott wendet sich niemandem ab. Seine Liebe gilt allen Menschen.

Jesus stellt die Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt. Gottes Liebe kann man sich nicht verdienen. Man kann sie nicht kaufen und nicht durch besondere Leistungen erwerben. Sie ist ein Geschenk.

Bis heute sprechen wir manchmal von Opfern. Menschen sagen: „Ich opfere meine Schmerzen auf“ oder „Du musst ein Opfer bringen.“ Auch vom Tod Jesu wird oft als Opfer gesprochen.

Vielleicht können wir Jesu Tod anders verstehen: Jesus hat sein Leben hingegeben, weil er seiner Sendung treu bleiben wollte. Er wollte den Menschen zeigen, wie nahe Gott ihnen ist, und dafür war er bereit, alles zu geben.

Auch heute werden Menschen manchmal ausgeschlossen, weil ihr Leben nicht den Vorstellungen der Kirche entspricht. Deshalb ist es wichtig, dass wir auf diese Menschen zugehen, ihnen zuhören und Gemeinschaft mit ihnen leben.

Wenn wir tun, was Gott möchte – nämlich lieben, vergeben und barmherzig sein –, dann lernen wir Gott immer besser kennen. Gott ist mitten unter uns. Seine Liebe und Güte sind da. Wir müssen uns nur dafür öffnen und daran glauben.

Monika Liedler